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Produktion des größten Nordsee-Ölfeldes Brent wird nach 40 Jahren eingestellt

Technisch aufwendige Außerbetriebnahme der Offshore-Plattformen
 
Das von Shell U.K. Ltd. und dem gleichberechtigten Partner Esso Exploration and Production UK (Esso) betriebene Öl- und Gasfeld Brent vor der Nordostküste Schottlands, auf halber Strecke zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen, ist eines der größten Ölfelder in der Nordsee und Standort von vier großen Plattformen: Alpha, Bravo, Charlie und Delta. Das 1971 entdeckte Brent-Feld war fast 40 Jahre lang ein Grundpfeiler der britischen Öl- und Gasförderung in der Nordsee. Es hat für Tausende langfristige Arbeitsplätze gesorgt, Steuereinnahmen von rund 20 Milliarden Pfund generiert und einen beträchtlichen Teil des Öl- und Gasbedarfs Großbritanniens gedeckt. Allein im Jahr 1982 – dem Jahr mit der höchsten Förderung – wurden hier täglich über eine halbe Million Barrel Öl gefördert, der Energiebedarf für die Hälfte aller britischen Haushalte in jenem Jahr. Mittlerweile sind die wirtschaftlich förderbaren Öl- und Gasreserven des Feldes aber erschöpft und nun machen sich die Betreiber Gedanken über die Außerbetriebnahme.
 
Das Brent-Feld war einer der bedeutendsten Öl- und Gasfunde im britischen Sektor der Nordsee. Seinerzeit ging man von einer maximalen Lebensdauer von 25 Jahren aus. Bislang wurden aus dem Brent-Feld etwa drei Milliarden Barrel Öläquivalent gefördert. Dies entspricht einem Anteil von ungefähr 10 Prozent der gesamten Öl- und Gasproduktion im britischen Sektor der Nordsee. In den 90er Jahren erfolgte eine Umstellung auf die Erdgasproduktion. Auch wenn nun eines der am längsten genutzten Nordseefelder das Ende seiner Lebenszeit erreicht hat, bedeutet dies nicht das Ende der Öl- und Gasproduktion im britischen Sektor. Schätzungen des Branchenverbands Oil and Gas UK zufolge sind noch etwa 15 bis 24 Milliarden Barrel Öläquivalent vorhanden, was einem Drittel der Gesamtreserven im britischen Offshore-Bereich entspricht.
 
Wie Shell jetzt mitteilte, ist der nächste Schritt die geplante Außerbetriebnahme (auch „Dekommissionierung“) der vier Plattformen im Brent-Feld und der Fundamente. Zunächst gab es Überlegungen für andere Zwecke zu nutzen. Dabei reichten die Ideen von Anlagen zur Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) über Nutzung für Windkraftanlagen bis hin zu Offshore-Gefängnissen und –Casinos. Aufgrund des Alters , der Entfernung zur Küste, mangelnder Nachfrage und der Kosten für die Modernisierung der Anlagen kamen diese Projekt aber nicht infrage,so dass nur die Außerbetriebnahme die einzig machbare Variante blieb. Die Planungen für den Produktionsstopp und die Außerbetriebnahme des Feldes laufen bei Shell schon seit vielen Jahren. Brent Delta hat die Produktion im Dezember 2011 eingestellt. Brent Alpha und Bravo folgten im November 2014. Der Produktionsstopp für Charlie wird in den nächsten Jahren erwartet.

Bei der Außerbetriebnahmen der riesigen Anlagen inmitten der Nordsee handelt sich dabei um ein sehr komplexes technisches Projekt, das sich über mehr als 10 Jahre erstrecken wird. Mittlerweile wurden beim britischen Ministerium für Energie und Klimawandel (DECC) bislang ungefähr 40 entsprechende Projekte anderer Plattformbetreiber eingereicht. Im Rahmen der Außerbetriebnahme ist ein von der DECC genannter, klar definierter Regulierungsprozess einzuhalten. Dieser fordert, dass für die durchzuführenden Arbeiten unter anderem die Sicherheit der an dem Projekt beteiligten Menschen gewährleistet, die Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich gehalten wird, technisch umsetzbar ist und auch wirtschaftlich vertretbar ist.

Pionieering Spirit Projektzeichnung.

 
Bei der Planung und dem Bau der vier Brent-Plattformen in den 1970er Jahren, einer Zeit globaler Energieengpässe und -krisen, stand eine spätere Außerbetriebnahme nicht an oberster Stelle. Seither wurden die technischen aber auch Umweltstandards erheblich weiterentwickelt. Die enorme Infrastruktur des Brent-Feldes umfasst vier Topsides (die sichtbaren Aufbauten mit den Wohn- und Arbeitsbereichen, Hubschrauberlandeplatz etc.) oberhalb des Meeresspiegels mit einem Gesamtgewicht von etwa 100.000 Tonnen. Drei der vier Anlagen stehen auf Stahlbeton-Sockeln auf dem Meeresboden in einer Tiefe von 140 m, von denen jeder rd. 300.000 t wiegt. Das Stahlgerüst von Brent Alpha wiegt 17.000 t; dazu kommen 103 km Pipelines, 140 Bohrlöcher (‚wells‘) und 64 Speicherzellen aus Beton. Jede dieser Zellen ist 60 m hoch und 20 m breit und hat ein Fassungsvermögen von vier olympiatauglichen Schwimmbecken.
 
Shell hat der DECC ein entsprechendes Programm zur Außerbetriebnahme eingereicht, das detaillierte Empfehlungen für die Stilllegung und Sicherung der vier Plattformen sowie der Unterwasserinfrastruktur des Feldes enthält. Die Erkenntnisse langjähriger technischer Studien und die Beteiligung von verschiedenen Interessengruppen, darunter auch der Umweltorganisation Greenpeace, ist eine der wichtigsten Lehren, die Shell aus der geplanten Versenkung des stilllgelegten Öltanks „Brent Spar“ vor zwei Jahrzehnten gezogen hat. Nach der gescheiterten Versenkung des schwimmenden Öltanks Brent Spar im Jahr 1995 beschlossen die europäischen Küstenstaaten ein generelles Verbot zur Versenkung von Ölplattformen. Seitdem müssen derartige Anlagen mitsamt der Fördertechnik, Betriebs- und Wohnräumen an Land entsorgt werden.
 
Ein großes Problem stellt die Außerbtriebnahme der großen Tanks („Unterwasserzellen“) da, die am Fuß der Betonplattformen zur Speicherung von Rohöl genutzt wurden. Derartige Abbrucharbeiten wurden bisher in der Nordsee noch nie durchgeführt. Die Betonpfeiler und die Speicherzellen werden unter der Abkürzung „GBS“ (Gravity-Based Structures) zusammengefasst. Diese enthalten große Mengen an Sand, der als Ballast dient um die Anlage auf dem Meeresboden zu fixieren. Viele Zellen wurden ursprünglich auch für die Öllagerung genutzt und enthalten daher auch noch ölhaltiges Sediment. Um dieses zu entfernen, bedarf es für den Zugang in die Zellen, einiger technischer Herausforderungen angesichts der Wassertiefe, der schieren Zellengröße sowie der dicken Zellenwände. Die OSPAR-Konvention (Völkerrechtlicher Vertrag) 1992 bildet das Rahmenwerk für den Schutz und Erhalt des Nordostatlantiks (einschließlich der Nordsee). Die Konvention erkennt dabei unter anderem an, dass der Rückbau großer Betonkonstruktionen, wie etwa der GBS-Plattformen, mit Schwierigkeiten verbunden ist. In diesen Fällen können Betreiber, wenn es technisch nicht machbar ist und eine Bergung keinen Sinn ergibt und mehr Schaden als Nutzen anrichtet, per Ausnahmeregelung Anlagenteile vor Ort belassen.

Im Sommer steht nun der Abbau der Plattform Brent Delta auf dem Plan: Hierzu wird das derzeit weltgrößte Schiff, die 382 m lange „Pioneering Spirit“ von der in der Schweiz ansässigen Allseas Group S.A. mit einer Tragfähigkeit von 48.000 t in das Ölfeld vorfahren und den über 24 000 t schweren Aufbau in einem Stück aufnehmen. Dieser wird dann in die nordenglische Region Teesside gebracht, wo die Plattform zerlegt und fast vollständig recycelt wird. Großbritannien hofft mit dem Abbruch der Plattform Brent Delta, Spezialkompetenzen in diesem Bereich aufzubauen und diese später weltweit vermarkten zu können. Denn in der Nordsee lockt noch immer das große Geschäft, nur diesmal für den Rückbau. So werden allein die Gesamtkosten für den Abbau der Offshore-Anlagen in der britischen Nordsee werden auf rund 52 Milliarden Euro geschätzt.

Christian Eckardt
Redaktionsmitglied bei VEUS-Shipping.com mit Schwerpunkt Schifffahrt und Offshoretechnik.

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