Baumstämme werden auf der Lena stromabwärts geflößt.

Schifffahrt und ihre Probleme auf Sibiriens Strömen

Die großen Ströme Sibiriens – Ob und sein Hauptnebenfluss Irtysch, Jenissei, Lena und Amur (der auf weiten Strecken die Grenze zu China bildet) zählen mit ihren 3500 bis 4400 km Länge zu den längsten der Welt. Die im Verlauf der strengen sibirischen Winter bis weit in den Frühling eisbedeckten Ströme sind in der eisfreien Zeit (Juni bis etwa Ende September) auf etwa 3000 bis 3500 km schiffbar.

Eismeer- und Holzexporthafen Ticsi.

Eismeer- und Holzexporthafen Ticsi. © Harald Krachler

Die Lena, mit knapp 4400 km längster Strom Russlands und zehntlängster der Welt entspringt im Baikal-Gebirge gleich westlich des gleichnamigen Sees in 1465 m Seehöhe. Sie fließt in weitem Bogen in westlicher, dann nördlicher und schließlich nordöstlicher Richtung in die Zentraljakutische Tiefebene, wo an ihr die einzige Großstadt Jakutsk mit etwa 200.000 Einwohnern liegt. Hier wendet sich der auf weiten Strecken in viele Arme aufgeteilte Strom mit seinen durchschnittlich 15 km Breite nach Norden und Nordwesten östlich des Zentralsibirischen Berglandes und westlich des Werchojansker Gebirges. Schließlich durchbricht die Lena in einem – geologisch so genannten – antezedenten Durchbruchstal den nordwestlichen Ausläufer des Wechojansker Gebirges, wo sie sich auf etwa zwei km Breite verengt, aber bis zu 50 m tief ist, bevor sie in viele Arme aufgeteilt in einem rund 250 km breiten, etwa 45.000 qkm großen Delta in die Laptew-See, einem Teil des Nördlichen Eismeeres mündet. Die Lena ist der einzige in das Eismeer mündende Strom mit einem Delta, alle anderen (Petschora, Ob, Jenissei, Kolyma in Russland, Yukon und Mackenzie in Nordamerika) haben Trichtermündungen.

Das knapp 2,5 Mill. qkm große Einzugsgebiet der Lena (ein Viertel der Fläche Europas – Donau: 817.000 qkm) liegt zum überwiegenden Teil in der Region des Permafrostes, der in der warmen Jahreszeit nur in den obersten Schichten auftaut. Die jährliche Abflussmenge beläuft sich auf etwa 520 Kubikkilometer. Zwei der zahlreichen Nebenflüsse – Aldan und Wiljui – kommen längenmäßig an die etwa 2860 km lange Donau heran, vier weitere übertreffen die Länge des Rheins (1320 km). Vegetationsmäßig durchfließt die Lena zu zwei Drittel ihrer Länge die Waldzone der Taiga, nur im Nordabschnitt die Tundrenzone.

Zum Großteil liegt das Einzugsgebiet in der Jakutischen Autonomen Republik Russlands, von dem dort lebenden Turkvolk der Jakuten „Sacha“ genannt, den Strom selbst nennen sie Ölüöne. Hier gibt es Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter von zeitweise über 100 Grad C (!). Kein Wunder, liegen doch die beiden Kältepole der Erde mit Temperaturen um minus 70 Grad C im Winter nur wenig vom Unterlauf der Lena entfernt östlich des Werchojansker Gebirges: Werchojansk am Jana-Fluss und Ojmjakon an der Indigirka.

Mit den erwähnten geographischen Fakten ist schon ein Teil der Probleme aufgezählt, mit denen die Schifffahrt auf der Lena und den anderen Strömen Sibiriens konfrontiert ist. „Ernährerin“ nennen die Bewohner der mit wenigen Ausnahmen am linken Lena-Ufer liegenden Siedlungen und Städte den Strom, „unermüdliche Arbeiterin“ die Binnenschiffer und Holzflößer, alle finden ihn aber „launisch und unberechenbar“.

Schwimmende Tankstelle auf der Lena.

Schwimmende Tankstelle auf der Lena. © Harald Krachler

Durchschnittlich sechs Monate am Oberlauf, bis zu sieben Monate im Unterlauf dauert die Eisbedeckung der Lena. In diesem Zeitraum fahren LKWs, Busse, aber auch Privatautos vor allem im Bereich von Uferstädten über den zugefrorenen Strom an das andere Ufer, bisweilen im Zuge eines echten Liniendienstes, hauptsächlich zur Versorgung entlegener Siedlungen. Mitte bis Ende Mai bricht das Eis auf, dann gibt es Eistreiben bis in den Juni hinein. Eisstaus verursachen dann katastrophale Überschwemmungen, oft verschärft durch Schmelzwasser, das wegen des Permafrostes nicht anderweitig abfließen kann. Im Juni kann durch die Schnee- und Eisschmelze die vorbeifließende Wassermenge auf über 60.000 Kubikmeter pro Sekunde steigen. Dabei werden Steil- und Flachufer abgeschwemmt, dadurch werden Flussinseln und Sandbänke kleiner. Anderswo entstehen durch Anschwemmungen neue Sandbänke, einige von ihnen werden mit der Zeit zu neuen Inseln. Jährlich variiert als Folge die Hauptfahrrinne des Stromes und muss regelmäßig neu festgelegt und durch Bojen markiert werden. Dadurch werden Schiffe oft zu einem echten „Slalomkurs“ gezwungen.

Bei den Abschwemmungen bewaldeter Ufer werden oft viele Bäume mitgerissen und anderswo angeschwemmt. Auch bei Holzflößen, selbst wenn die Stämme mit starken Ketten verbunden sind, entkommen sie manchmal, so dass in der eisfreien Zeit Kollisionen von Stämmen mit Schiffen oft unvermeidlich sind.

Die Schiffe auf der Lena transportieren vor allem Massengüter wie Holz, das als eines der Hauptprodukte über den Eismeerhafen Tiksi nach asiatischen Abnehmern exportiert wird, ferner Naturschätze wie Öl, Kohle, andere Bergbauprodukte und auch Industrieerzeugnisse. Wegen der variierenden Stromtiefe verkehren auf der Lena Schiffe bis höchstens 5000 to. In der eisfreien Zeit ist die Lena von Ust-Kut, wo ein Anschluss zu der Baikal-Amur-Magistrale (ein Zweig der Transsibirischen Eisenbahn) besteht, bis zum Eismeerhafen Tiski auf einer Länge von etwa 4000 km schiffbar. Den Personenverkehr nach den weit voneinander entfernten Dörfern bzw. Städten besorgen Tragflügelboote und Luftkissenfahrzeuge, letztere vor allem in der Übergangszeit im Frühjahr und Herbst.

Die Schifffahrtssaison auf der Lena – einschließlich der Touristen-Kreuzfahrten – dauert bestenfalls vier Monate, im Extremfall auch nur einen Monat. Mitte September setzt die Vereisung ein, ab Oktober ist der Strom dann total zugefroren. Allerdings verhindern die gegenüber der Luft wärmeren Wassermassen eine vorzeitige Vereisung. Eisbrecher versuchen dann, in der Periode des Zufrierens die Schifffahrtsaison etwas zu verlängern.