MOBY VINCENT ex STENA NORMANDICA (Baujahr 1974) in Livorno.

Moby Gaga?

Schiffe brauchen Namen. Und wer viele Schiffe hat, braucht viele Namen. In der Fährschifffahrt liegt es nahe, die Schiffe nach den Häfen oder Regionen zu benennen, welche die Schiffe miteinander verbinden. Gerne auch mit Hinweis auf den Luxus an Bord (CRUISE BARCELONA) oder die Schnelligkeit bzw. Zahlenstärke der eingesetzten Tonnage (SUPERFAST XII). Völlig neue Wege geht jedoch seit einigen Monaten die italienische Fährreederei Moby Lines.

Gegründet 1959 als „Navigazione Archipelago Maddalena“, firmierte die Reederei zunächst für viele Jahre unter der Bezeichnung NAV.AR.MA bzw. NAVARMA Lines. Die ersten Fährschiffe der Reederei hießen MARIA MADDALENA, BASTIA und GIRAGLIA, auf ihrem Rumpf stand „Express Ferry Elba“, Express Ferry Bastia“ oder ähnliches – so weit, so konventionell.

Mit der Expansion der Reederei und neuen Fährlinien nach Elba, Palau, Korsika und Sardinien wuchs die Flotte und mit ihr auch die Größe der eingesetzten Schiffe. 1982 wurde ein sympathischer blauer Wal zum Markenbotschafter des Unternehmens, dessen Fähren nun den Präfix „Moby“ bekamen. Den Anfang machte 1982 die MOBY BLU, es folgten MOBY PRINCE (1985), MOBY DREAM (1986) und viele weitere Fährschiffe, deren blauer Wal auf der Bordwand die Schiffe schon von weitem unverwechselbar machte. Nach der verhängnisvollen Havarie der MOBY PRINCE im April 1991 vor Livorno benannte die Familie Onorato, Besitzerin der Reederei, den Fährbetrieb in „Moby Lines“ um. Zum selben Zeitpunkt wurde die Führung von Moby Lines an den damals 34jährigen Spross Vincenzo Onorato übergeben, der sich in den kommenden Jahren nicht nur zu einer der charismatischsten Reederpersönlichkeiten Italiens entwickeln, sondern der auch bei der Farb- und Namensgebung seiner Schiffe neue Wege gehen sollte.

Denn nachdem die Reederei bereits 1990 ihren Ankauf MOBY VINCENT nach keinem geringeren als Vincenzo Onorato selber benannt hatte, erhielten die folgenden Schiffsankäufe die Ruf- bzw. Spitznamen seiner fünf Kinder. So steht der Schiffsname MOBY ALE (1996) für Alessandro Onorato, MOBY DREA (2003) für Andrea Onorato, MOBY AKI (2005) für Achille Onorato, MOBY OTTA (2006) für Carlotta Onorato und MOBY TOMMY (2006) für Tommaso Onorato. Auch Frau und Mutter wurden in dieser Zeit mit Schiffsnamen geehrt – 2000 stieß die MOBY LALLY zur Moby Lines-Flotte (benannt nach Onoratos Ehefrau Lara) und 2007 die MARIA GRAZIA ON (benannt nach Onoratos Mutter Maria Grazia).

Doch die Flotte wuchs weiter, und der Pool an Familienmitgliedern, nach denen die nächsten Schiffe benannt werden konnten, war begrenzt. Immerhin befand sich unter dem Dach der Onorato Armatori auch das Geschäft mit Hafenschleppern in Cagliari (Rimorchiatori Sardi, heute Moby SpA Tug Division), und dort trugen und tragen die Schiffe ebenfalls die Namen der Mitglieder der Familie Onorato. Also wandte man sich der „erweiterten“ Familie zu – dem eigenen Unternehmensvorstand. In diesem befanden sich zum damaligen Zeitpunkt Eliana Marino (Finanzdirektor), Giuseppe Savarese (Direktor) und Luigi Parente (CEO), und schon waren drei weitere Schiffsnamen gefunden: ELIANA M, GIUSEPPE SA und LUIGI PA. Die Namen wurden an Frachtfähren vergeben, und während die nächste Passagierfähre 2009 außer der Reihe den Namen MOBY CORSE erhielt, standen die folgenden Jahre im Zeichen der Fusion von Moby Lines mit dem bis dahin staatlichen Erzrivalen Tirrenia. 2009 zum Verkauf ausgeschrieben, sollte die Reederei eigentlich 2010 an ein Konsortium unter der Führung von Alexis Tomasos (TTT Lines) verkauft werden, das Geschäft platzte aber in letzter Minute. Nutznießer der Situation war der Mitbieter Moby Lines, dessen 2011 gegründete Compagnia Italiana di Navigazione (CIN) stattdessen den Zuschlag erhielt (Juli 2012). Drei Jahre später kaufte Vincenzo Onorato die Anteile seiner bisherigen CIN-Miteigner auf, so dass die Familie Onorato im Juli 2015 alleinige Eigentümerin von Tirrenia wurde.

Die Marken Moby Lines und Tirrenia wurden und werden seitdem getrennt weitergeführt, und auch zu Umbenennungen der Tirrenia-Fähren kam es zunächst nicht. Doch natürlich sind seit der Komplettübernahme von Tirrenia weitere Einheiten zur gemeinsamen Flotte hinzugestoßen. Und bei wem bediente man sich diesmal in Sachen Schiffsnamensgebung? Natürlich, bei der (neuen) Vorstandsriege von Tirrenia. So wurde 2016 aus der RoRo-Frachtfähre WILLIAMSBORG die MASSIMO MURA (benannt nach dem neuen Managing Director der Reederei und ehemaligen Frachtdirektor von Moby Lines) und aus der HELENA die PIETRO MANUNTA (benannt nach dem neuen Präsidenten von Tirrenia und langjährigen Segelfreund von Vincenzo Onorato). Als drittes Schiffes kam 2016 die LOUISE RUSS zur gemeinsamen Flotte von Moby und Tirrenia hinzu. Sie wurde ELIANA MARINO getauft, womit dem Finanzdirektor im Hause Onorato Aramtori die seltene Ehre zuteilwurde, dass innerhalb von zehn Jahren gleich zweimal ein Schiff nach ihm benannt wurde.

2017 kam es dann doch noch zur Umbenennung von Teilen der Tirrenia-Alttonnage. Betroffen waren die drei Frachtfähren vom Typ VIA IONIO. Diese Schiffe waren Anfang der 1990er Jahre in den Niederlanden gebaut worden und nach dem Scheitern des Projekts „VIAMARE“ zwischen den beiden staatlichen italienischen Fährgesellschaften Adriatica und Tirrenia aufgeteilt worden. Doch ein weiteres Mal staunte man nun in Schifffahrtskreisen nicht schlecht, als die Fähren Anfang des Jahres nicht nur den neuen „Tirrenia Cargo“-Anstrich trugen, sondern auch neue Namen, mit denen niemand so recht etwas anzufangen wusste. Aus der ESPRESSO CATANIA war die HARTMUT PUSCHMANN geworden, aus der ESPRESSO RAVENNA die BARBARA KRAHULIK und aus der VIA ADRIATICO die BENIAMINO CARNEVALE. Doch natürlich besteht auch hier eine Beziehung zum Hause Moby. So ist Beniamino Carnevale Partner bei der Anwaltskanzlei Studio Legale Cimmino Carnevale De Filippis, die maßgeblich am Zustandekommen der rechtlich überaus komplizierten Übernahme von Tirrenia durch Moby beteiligt gewesen ist. Carnevale sitzt übrigens inzwischen ebenfalls im Vorstand von Onorato Armatori. Aber die so gar nicht italienisch klingenden Namen HARTMUT PUSCHMANN und BARBARA KRAHULIK? Lassen sich ebenfalls aufklären. Hartmut Puschmann ist der Statthalter von Moby Lines in Deutschland und verantwortlich für Geschäftsführung und Vertrieb der Moby Lines Europe GmbH in Wiesbaden. Und Barbara Krahulik niemand Geringeres als dessen Büroleiterin!

Viele Passagierschiffe sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten nach Personen benannt worden, oftmals nach monarchischen Regentinnen und Regenten. QUEEN MARY und QUEEN ELIZABETH sind vielleicht die berühmtesten Beispiel hierfür. Auch verdiente Politiker (EL. VENIZELOS, WINSTON CHURCHILL) sind zu dieser Ehre gekommen, ebenso verblichene Reederpersönlichkeiten (ACHILLE LAURO, PASCAL LOTA). Aber die Sekretärin des Geschäftsstellenleiters einer Reederei-Dependance im Ausland?! Was kommt als nächstes – der Pförtner, der Kater, der Hausmeister? Anfang dieses Jahres hat Moby Lines mit der Frachtfähre QUBRA ein weiteres Schiff erworben und in GIUSEPPE LUCCHESI umbenannt. Nie gehört? Lucchesi ist ein sizilianischer Transportunternehmer, Fahrradfreund und Förderer des Giro d’Italia sowie, natürlich, ein Freund der Familie Onorato.

Das alles kann man schrullig finden oder liebenswürdig, auf jeden Fall hebt sich die Schiffsnamensgebung bei Moby Lines und Tirrenia auf besondere Weise von der anderer Reedereien ab. Denn nach Korsika, Sizilien und Sardinien fahren ansonsten Fähren, die vergleichsweise unspektakuläre Namen tragen wie MEGA EXPRESS IV, CRUISE OLBIA oder MÉDITERRANÉE. Im Hause Moby Lines fehlt dagegen eigentlich nur noch eine MOBY GAGA. MOBY ZAZA und MOBY DADA gibt es schließlich schon.
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