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Donnerstag, November 26, 2020
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MAN Energy Solutions

Großmotorenbauer in schwierigem Fahrwasser

Der Volkswagenkonzern hat schon lange keine Freude an seiner Tochter in Augsburg und Kopenhagen – an der MAN Energy Solutions SE. Anders sind die jüngsten Pressemeldungen von Ende Juli und Anfang August 2020 nicht zu verstehen. Doch nun sieht es ganz so aus, als stehe die Trennung kurz bevor.

Die Vorgänge um die Augsburger Aktiengesellschaft erinnern fatal an den seinerzeitigen Verkauf und Rückkauf der MTU Friedrichshafen seitens Daimler. Nur, zwischen beiden Vorgängen besteht ein ganz wesentlicher Unterschied: Die MTU war ein Verkaufsobjekt, für das es einige Interessenten gab, unter anderem Wärtsilä und die MAN. Die Interessenten waren auch bereit, einen entsprechenden Preis zu zahlen. Für die MAN Energy Solutions SE hat sich dagegen bislang kein Käufer interessiert, der bereit gewesen wäre, den von den Wolfsburgern gewünschten Preis zu zahlen. Und in der Nach-Corona-Zeit dürfte das noch wesentlich schwieriger werden, zumal die – aus der Sicht des Weltmarktes – wohl interessantesten Käufer schon ausgeschieden sind. Doch der Reihe nach.

Nach dem Stand vom 3, August 2020 liegt die Latte für einen Verbleib der MAN SE im Volkswagenkonzern sehr hoch. Die entscheidende Bedingung ist die Forderung des Aufsichtsrates nach einer Rendite von „9 Prozent Ebit“ bis zum Ende des Geschäftsjahres 2024. Was bedeutet das? Der Jahresgewinn aus der Geschäftstätigkeit – also ohne Erträge aus Kapitalanlagen – muss den Wert von 9 Prozent des Jahresumsatzes erreichen. Schafft der Vorstand das, dann wird allerdings auch nur ein Verbleib im Konzern bis Ende 2026 zugesichert. Welche Konsequenzen andernfalls zu erwarten sind lassen Vorstand und Aufsichtsrat zwar offen, die liegen jedoch auf der Hand. Dann spielt der erzielbare Preis kaum noch eine Rolle. Muster dafür lassen sich in der jüngsten Geschichte der deutschen Industrie beliebig finden.

Zunächst muss der Augsburger Vorstand jedoch ein „Eckpunkte-Papier zur Restrukturierung“ umsetzen, auf das man sich mit den Arbeitnehmervertretern geeinigt habe. Die wichtigsten Punkte, um das Ziel zu erreichen: Abbau von 2.600 Arbeitsplätzen, davon 1.650 in Deutschland, und „Zugeständnisse bei den Personalkosten“. Dabei werden betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen. Das kann man wohl auch nicht, wenn eine ganze Sparte aufgegeben und andere neu geordnet werden sollen.

So wird die Herstellung von Dampfturbinen am Standort Hamburg vollständig aufgegeben. Die Produktion am Standort Berlin wird auf eine reine Komponentenfertigung reduziert. „Für die Standorte Augsburg und Oberhausen ist eine Umstrukturierung vereinbart“, in Dänemark, Frankreich, England und in der Schweiz sollen die Organisationen „gestrafft“ werden.

Ohne Angabe eines Zeitraums ist von Kostensenkung mit den geplanten Maßnahmen in Höhe von 450 Millionen Euro die Rede. Dazu sollen unter anderem Tarifsenkungen beitragen, die in den Jahren 2021 bis 2023 Einsparungen in Höhe von jährlich 40 Millionen Euro ausmachen. Dazu müssen Tarifverhandlungen im Laufe dieses Jahres eingeleitet werden.

Ob das Eckpunkte-Papier noch einen Wert hat, wird sich Ende des Jahres 2020 (!) zeigen. Der Volkswagenkonzern hat nämlich nicht nur die Bedingungen des Ebits gestellt, sondern auch verlangt, dass alle Maßnahmen aus dem Papier bis zum Jahresende „erfolgreich“ eingeleitet sind.

Noch 12 Tage zuvor sah die Situation des Unternehmens anders aus. So ist es für Außenstehende nicht nachvollziehbar, wie man die zu treffenden Maßnahmen in so wenigen Tagen drastisch verändern kann.

Nach der Pressemitteilung vom 22. Juli 2020 sollte ein „Zukunftsprogramm“ eingeleitet werden, das „deutliche Kosteneinsparungen und Umstrukturierungen“ zur Folge haben sollte. Außerdem wollte sich das Unternehmen „auf eine längere Zeit stagnierender Umsätze“ in Folge der Corona-Pandemie und damit auf „ein längerfristig schwieriges Marktumfeld“ einstellen. Da war von „Kernwertschöpfung und Flexibilisierung“ die Rede.

Zur Kostensenkung sollten zu diesem Zeitpunkt noch 3.000 Arbeitsplätze in Deutschland und 950 im Ausland abgebaut werden! Offensichtlich gab es zu diesen Zahlen noch keine Zustimmung des Betriebsrates. Bei insgesamt 14.000 Mitarbeitern (2018 sollen es noch 17.000 gewesen sein), an 120 Standorten weltweit, hätte das einen Personalabbau um knapp 30 Prozent bedeutet.

Die Vorgeschichte hierzu ist lang und geht in die Zeit des Aufsichtsratsvorsitzenden der Volkswagen AG, Ferdinand Piëch, zurück. Er wollte nach vorausgegangenen Querelen um die Beherrschung von Scania seinerzeit einen großen Nutzfahrzeugkonzern schaffen, zu dem außer Volkswagen auch die MAN Nutzfahrzeug-Sparte und der schwedische Nutzfahrzeughersteller Scania gehören sollten. Nach einem rund fünfjährigen Tauziehen übernahm Volkswagen 2011 schließlich die Aktienmehrheit an MAN und das Unternehmen verlor nach 253 Jahren seine Selbständigkeit. In einem solchen Verbund war für den maschinenbaulichen Teil der damaligen MAN AG und seine Tochtergesellschaft Renk kein Platz. Sie wurden Unternehmen der MAN SE und sollten verkauft werden.

An dieser Stelle kann nicht auf alle Aktivitäten eingegangen werden, die zwischen 2011 und 2020 zu einem Verkauf von MAN Energy Solutions (ex MAN Diesel & Turbo) führen sollten. Das Wechselbad der Gefühle dürfte jedoch im Laufe der Zeit  für die Mitarbeiter des Unternehmens unerträglich geworden sein. Angeblich sollten die Unsicherheiten im Oktober 2018 beendet sein. Zu diesem Zeitpunkt wurden MAN Energy Solutions und Renk direkt in den VW-Konzern eingegliedert, was von allen Seiten, auch vom Vorstand, als die beste Lösung akzeptiert wurde, obwohl es letztlich nur eine handelsrechtliche Transaktion war. Die Freude währte nicht lange.

Im Frühjahr 2019 sah das schon wieder anders aus – jedenfalls von außen betrachtet. Dazu gibt es folgende offizielle Verlautbarung: „Im Mai 2019 hat der Aufsichtsrat der Volkswagen AG entschieden, dass für den Maschinenbau im Volkswagen-Konzern ein zukunftweisender Entwicklungspfad gefunden werden soll. Das bedeutet konkret: Für MAN Energy Solutions soll ein neuer Partner gefunden werden. Für uns bedeutet das: Wir nehmen unsere Zukunft in die eigene Hand und sind selbst aktiver Teil der Suche nach Kooperationspartnern.“ Dieser Weg war nicht erfolgreich. Mögliche Partner bzw. künftige Obergesellschaften wie Cummins und Mitsubishi boten nicht genug.

So ist der Vorstand der MAN Energy Solutions SE nicht zu beneiden. Er muss nun, um die Quasi-Selbständigkeit des Großmotorenbauers zumindest für begrenzte Zeit zu sichern, zwei Bedingungen erfüllen, von denen die eine so schwierig zu erreichen ist wie die andere. Bis Ende 2020 müssen alle Maßnahmen verbindlich eingeleitet sein, die im Eckpunkte-Papier vom 3. August dieses Jahres festgeschrieben sind. Schafft er das, dann muss auch das Ebit von 9 Prozent aus dem Jahresabschluss von 2024 ablesbar sein. So sind die Unsicherheiten über die Zukunft der MAN Energy Solutions SE gegenwärtig allerdings nur von Absichtserklärungen kaschiert.

Hans-Jürgen Reuß
Der Autor betreibt ein Pressebüro mit den Schwerpunkten Schifffahrt, Schiffbau, Schiffbauzulieferindustrie und Schifffahrtsgeschichte.

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