Flusskreuzfahrtschiff Michail Swetlow vor einem der berühmten Lenafelsen.

Kreuzfahrten auf sibirischen Strömen

Dank Michail Gorbatschows „Glasnost“ und „Perestrojka“ hat Sibirien seine unendlichen Weiten und auch seine Ströme für den Ausländertourismus geöffnet. So konnte man schon seit 1989 auf der knapp 4400 km langen Lena mit den beiden in Österreich gebauten Schiffen „Michail Swetlow“ und „Demjan Bednij“ im Sommer die Lena von Jakutsk aus 1300 km stromaufwärts „erforschen“, seit 1991 auch stromabwärts bis zum Eismeerhafen Tiksi.

Abenteuerlustige Reisende, die glauben, schon „überall“ gewesen zu sein, müssen sich bei Sibirien-Reisen an eine der unberührtesten Gegenden unserer Erde, an „Sibirische Dimensionen“ gewöhnen: 1000 km sind keine Entfernung, 100 Rubel kein Geld, 50 Grad minus kein Frost und 40 Prozent kein Wodka.

Mitternachtssonne im Mündungsgebiet der Lena.

Mitternachtssonne im Mündungsgebiet der Lena. © Harald Krachler

Von Moskau aus reist man auf dem Luftweg in die etwa 200.000 Einwohner zählende Hauptstadt der Jakutischen Autonomen Republik, Jakutsk, eine locker mit Holzhäusern, aber auch modernen Gebäuden verbaute Stadt am linken Lena-Ufer. Dort besichtigt man das Geologische Museum, das die reichen Bodenschätze Jakutiens illustriert, ein weiteres Museum über Fauna und Flora dieser Region (auch Mammut-Skelette finden sich hier) , sowie das Institut zur Erforschung des Permafrostes, wo man in einem zu Forschungszwecken gegrabenen Gang in den Permafrost hinabsteigt – wegen der tiefen Temperatur natürlich warm angezogen – und sich bei Beleuchtung wie in einen Eispalast versetzt fühlt. Der Permafrost diktiert auch die Bauweise in den Städten und Dörfern Sibiriens – Pfähle bewahren die Bauten vor dem Einsinken als Folge des Auftauens aufgrund abgestrahlter Wärme. Versorgungsleitungen (Wasser, Abwasser, Fernheizung) befinden sich über dem Erdboden.

Hat man nach dem traditionellen Empfang mit Brot und Salz das Kreuzfahrtschiff im Jaktusker Hafen bestiegen, geht es zunächst stromaufwärts  zu einer hoch über dem Flussbett in einem Kiefernwald befindlichen Ausgrabungsstätte urzeitlicher Menschen und weiter zu den sog. „Lenafelsen“, bis zu 200 m hohen Kalk- und Sandsteinfelsen auf über 80 km entlang des rechten Lena-Ufers. Hier haben Wasser, Wind, Hitze und Frost als „Bildhauer“ im Laufe der Jahrhunderte an die Dolomiten erinnernde Erosionsformen hinterlassen. Die UNESCO hat diese Lena-Felsen in ihre Liste des Welt-Naturerbes aufgenommen. Von einem der zu ersteigenden Berge genießt man ein prächtiges Panorama vom Strom und die umgebende Landschaft.

Hier ist Umkehrpunkt, es geht nun stromabwärts die von Flach- und Steilufern, gelegentlichen Wiesen und Auwäldern, meist aber von der Nadelwald-Taiga und zuletzt von der Tundra gesäumten Lena bis zu ihrer Mündung in das Eismeer und den Hafen Tiksi im Mündungsdelta. Dabei wird immer wieder an natürlichen Anlegestellen Halt gemacht. Mangels Molen oder Kais legt die Schiffsbesatzung unter dem gestrengen Auge des Kapitäns Stege vom Schiff an das Ufer aus. Nun hat man Gelegenheit zu Wanderungen durch Wiesen mit zum Teil subalpiner Flora – selbst Edelweiß fehlt hier nicht – und in die Taiga. Dort aber machen die Myriaden (unzählbare Menge) von Mücken einem so zu schaffen, dass auch das beste Mückenspray nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Picknicks mit selbst gefangenen Fischen – Angelruten erhält man an Bord des Schiffes – getränkt mit Wodka (ohne den man bekanntlich in Russland nicht leben kann) sowie Bootsfahrten zu Sandbänken runden das Aufenthaltsprogramm an den Ufern ab. Temperaturen im Sommer bis zu 30 Grad und nicht zu kaltes Flusswasser gestatten Badevergnügen in Ufernähe. Badehose bzw. Bikini gehören also im Sommer in das Gepäck von Sibirienreisenden.

Auf dem Lena-Unterlauf begegnen dem Touristenschiff immer wieder Tragflächenboote, Container- und Tankschiffe, sowie Holzflöße aus mit starken Ketten verbundenen Stämmen. Sieht man selten genug einzelne Häuser oder gar kleine Dörfer an den bewaldeten Ufern, ist es fast schon ein Ereignis.

Lena mit Sandbänken nahe Jakutsk.

Lena mit Sandbänken nahe Jakutsk. © Harald Krachler

Nach Passieren des Polarkreises erfolgt ein Stopp im Ort Kjusjur, dessen etwa 2200 Einwohner der Pelztierjagd, dem Fischfang und der Rentierzucht nachgehen. Hier kann man die an das unwirtliche Klima gut angepassten, für dortige Verhältnisse recht gemütlichen Holzhäuser der freundlichen Bewohner aufsuchen, ferner ein Kulturzentrum, einen Kindergarten, eine Werkstätte zur Pelzverarbeitung und auch ein Pelztier-Zuchtgehege.

Es folgt bereits im Bereich der Tundra der Lena-Durchbruch durch die nordwestlichen Ausläufer des Werchojansker Gebirges, wo sich die Lena in dem landschaftlich schönen Abschnitt mit interessanten Felsformationen und Steinschlagrinnen stellenweise auf zwei Kilometer Breite verengt, bevor das Lena-Delta mit seinen Flussarmen, Inseln und Auftauseen seinen Anfang nimmt. Hier lässt sich im Sommer in den Nächten die Mitternachtssonne beobachten.

Nördlichster Punkt der Lena-Kreuzfahrt ist der etwa 20.000 Einwohner zählende Eismeer- und Holzexporthafen Tiksi. Hier muss im Sommer in Schichten gearbeitet werden, um alle Projekte vor Beginn der Polarnacht mit ihren Winterstürmen und Temperaturen bis zu minus 60 Grad zum Abschluss zu bringen, weil dann in dieser Zeit das Leben in der Stadt für mehrere Monate praktisch zum Stillstand kommt. Man besichtigt hier den Hafen, das Theater, die Musikschule und ein Arktis-Museum mit ausgestopften arktischen Tieren und einer kleinen Gemäldegalerie – der nördlichsten der Welt.

Auf der Rückfahrt nach Jakutsk hält das Schiff im Lena-Delta in einem Naturschutzbereich, wo bei Spaziergängen in die Tundra die dortige Flora studiert werden kann. Bei der Passage des Polarkreises am Tag (je nach Fahrplan bei der Hinfahrt nach oder Rückfahrt von Tiksi) gibt es eine Neptun-Feier, bei der ein Offizier den Meeresgott Neptun und weitere Besatzungsmitglieder sein Gefolge stellen.

In der etwa 12.000 Einwohner zählenden Stadt Sangar, einer Kohlenbergbausiedlung am rechten Lena-Ufer erhält man einen Eindruck von den harten Arbeitsbedingungen der hiesigen Bergleute und den gewaltigen Umweltproblemen Russlands. Kurz vor Jakutsk besucht man dann das Freilichtmuseum „Druschba“ („Freundschaft“), in dem die Holzbauweise von Kirchen und Häusern im 17. Jhdt. (der Zeit der Gründung Jakutsk von Kosaken) studiert, sowie Winter- und Sommerhäuser der Jakuten besichtigt werden können. Die hier dargebotenen Volkstänze sind noch nicht zu einem Touristenspektakel degradiert.

Vor dem eigentlichen Kreuzfahrtende gibt es einen vom Kapitän und der Besatzung gegebenen, mit viel Wodka – wo nicht in Russland? –  Abschiedsabend. Also dann „Na zdarowje“ („Prost!“)