AIDA Blue in Fahrt.

Sie lieben „traumhafte“ Kreuzfahrten – aber sorgen sich um Ihre Sicherheit?

Ein Kreuzfahrer stellt fest: „Am ersten Tag war es für alle Passagiere obligatorisch, an der Sicherheitsübung teilzunehmen. Der Ablauf war allerdings chaotisch (keiner wusste genau wann und wo), bei der Übung selbst hat man kaum etwas verstanden und wie die unförmige Rettungsweste angelegt wird – eigentlich selbsterklärend – ich habe es daher auch so herausgefunden. Aber was ist mit den vielen Seniorinnen und Senioren die mit den unhandlichen Westen klarkommen sollen und denen von den verantwortlichen Besatzungsmitgliedern geholfen werden sollte? Im Ernstfall stelle ich mir da aber wirklich chaotische Zustände vor und ich frage mich, wie im Notfall ein koordinierter Einsatz der Rettungsboote ablaufen soll. Und: ob diese für alle Passagiere ausreichen?“

Die Sorge ist durchaus berechtigt und ist es wert sich die Sicherheitseinrichtungen und das Sicherheitsprozedere an Bord von Kreuzfahrtschiffen einmal etwas detaillierter anzusehen.

Grundsätzliches

Gut zu sehen: Tender- / Rettungsboote sowie das Evakuierungssystem (MES).

Gut zu sehen: Tender- / Rettungsboote sowie das Evakuierungssystem (MES). © Pospiech

Alle Kreuzfahrtschiffe sind so gestaltet und werden so betrieben, das sie mit den strikten Anforderungen der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation, IMO, (International Maritime Organization), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN), übereinstimmen. Diese Sonderorganisation hat das Mandat, durch Übernahme von Verträgen, Regularien und Beschlüssen aus dem Übereinkommen zum Schutz des menschlichen Lebens auf See, SOLAS, (Safety Of Life At Sea) die globalen Standards für die Sicherheit und den Betrieb von Kreuzfahrtschiffen festzulegen. Die sicherheitsrelevanten Bestimmungen und Anforderungen sind streng – und gehen oft wesentlich über das Geforderte hinaus. Die Behörden der Länder, unter deren Flagge die Schiffe fahren, und andere Institutionen wie beispielsweise die Küstenwachen zahlreicher Länder, inspizieren regelmäßig die Schiffe. Diese Kontrollen konzentrieren sich in der Regel auf die Überprüfung der Sicherheitsausstattung der Schiffe und die Einhaltung von Bestimmungen zum Schutz der Umwelt. Sollte eine der Inspektionen ein gravierendes negatives Ergebnis erbringen, haben die erwähnten Behörden und Institutionen die Vollmacht, das betreffende Schiff vorübergehend still zu legen.

Rettungsboote auf dem Deck 5 der AIDAluna.

Rettungsboote auf dem Deck 5 der AIDAluna. © Pospiech

Cirka 95% der – unter der Führung / Inhaberschaft der beiden weltgrößten Konzernriesen CARNIVAL (z.B. Costa, AIDA, Cunard) und ROYAL CARIBBEAN Ltd. (Celebrity Cruises, Pullmantur, TUI, etc) fahrenden Kreuzfahrtflotte erfüllen sämtlich die Anforderungen des US-amerikanischen Cruise Vessel Security and Safety Act (CVSSA), unabhängig davon, unter welcher Flagge sie fahren. (Der CVSSA enthält unter anderem Bestimmungen über die Höhe der Relings, die Zugangskontrolle an Bord, das bordeigene Fernsehen, die medizinische Ausstattung, die Meldepflicht bei Strafanzeigen und die Ausbildung der Besatzungen).

Die Anzahl der Rettungseinrichtungen (Boote, Tender etc) an Bord variiert je nach Schiffsgröße. Jedes Kreuzfahrtschiff muss lt SOLAS-Vorschrift, über ausreichende Kapazitäten an Rettungseinrichtungen für JEDEN an Bord sowie zusätzliche Reserven vorhalten.

Am Beispiel eines Schiffes der AIDA Cruises hatten wir die dankenswerte Gelegenheit uns die AIDAluna im Hafen von Kiel etwas genauer anzusehen. Der Safety Manager Adrian Domaschke (30) war unser Gesprächspartner.

VEUS-Shipping: Herr Domaschke, die AIDAluna gehört zu Ihrer Sphinx-Klasse. Wieviel Passagiere und Crewmitglieder sind an Bord?

Domaschke: 2566 Passagiere plus etwa 634 Besatzungsmitglieder (alle aus den verschiedensten Nationen mit unterschiedlichen Sprachen) können bei Vollbelegung an Bord sein. D.h. in Summe befinden sich auf diesem Schiff 3200 Personen.

VEUS-Shipping: Welche und wieviel Besatzungsmitglieder sind für die Bedienung der Rettungseinrichtungen geschult?

Domaschke: Im nautischen Bereich sind alle Crewmitglieder für die Bedienung der Rettungsmittel geschult

VEUS-Shipping: Wie oft wird die Crew trainiert?

Domaschke: Alle Crewmitglieder werden entsprechend ihrer Rolle an Bord gemäß des ISM-Codes (International Safety Management Code) und der SOLAS-Regulierung in regelmäßigen Abständen geschult. Bei AIDA müssen alle Crewmitglieder wöchentlich an den vorgeschriebenen Sicherheitsübungen verpflichtend teilnehmen. Darüber hinaus gibt es spezielle Trainings für die verschiedenen Teams.

VEUS-Shipping: In welcher Zeit müssen, lt. SOLAS, für diese Größe Schiffe alle Passagiere und Crews von Bord evakuiert sein?

Domaschke: Die entsprechende Vorschrift im SOLAS, Chapter II 21.1 lautet: „All survival craft shall be capable to be launched with all persons on board within a period of 30 minutes from the time when the abandon ship order is given“!

VEUS-Shipping: In welchen Zeitabständen werden die Evakuierungssysteme, Rettungsinseln mit MES, und von wem überprüft?

Domaschke: Gemäß SOLAS Reg. 20.8 und dem Italian Law Circ. 118/2015 muss das MES jährlich überholt bzw inspiziert werden. Speziell bei der AIDAluna wird die Überprüfung von dem Dänischen Rettungsmittelhersteller VIKING LIFE-SAVING EQUIPMENT A/S durchgeführt.

VEUS-Shipping: Wieviel Rettungseinrichtungen sind an Bord vorhanden?

Domaschke: Wie Sie sehen, haben wir jeweils auf der Backbord- sowie der Steuerbordseite fünf Rettungsboote für je 150 Personen sowie drei Tenderboote für je 150 Personen. In den Tender- und Rettungsbooten finden somit in Summe 2400 Personen einen Platz. Wenn man nun davon ausgeht, wie oben angeführt, dass in Summe 3200 Personen an Bord sind, könnte der unbedarfte Leser der Meinung sein dass es für 800 Personen keinen Platz in den Booten gibt und sie ins, manchmal, kalte Wasser springen müssen. Das ist aber nicht so: Wir führen zusätzlich auf den Schiffen, wie schon erwähnt, das MES (Marine Evacuation System). Dieses System besteht aus acht Rettungsinseln die jeweils 101 Personen aufnehmen können. So können die Personen direkt von der Einbootungsstation in die Rettungsinseln rutschen. Fasst man alle Rettungseinrichtungen zusammen können theoretisch 4016 Personen einen Platz finden“.

VEUS-Shipping: Wie funktioniert das MES?

Domaschke: Das ‚Schiffsevakuierungssystem‘, MES, besteht bei uns aus einem Rettungsschlauch der mit den aufblasbaren Rettungsinseln verbunden ist. Von der Einbootungsstation rutschen die Passagiere durch den Schlauch auf das Rettungsfloß.

VEUS-Shipping: Ich stelle mir das nicht so einfach vor mich in einen dunklen Schlauch von rund 1,5 m Durchmesser zu begeben und 8 m in die Tiefe zu fallen. Dazu gehört schon viel Mut.

Domaschke: Anlässlich einer Übung musste ich auch durch den Schlauch springen – das klappte eigentlich ganz gut

VEUS-Shipping: Was machen Sie mit den vielen Seniorinnen und Senioren die Hilfe benötigen?

Domaschke: Wir tun alles was in unserer Macht steht um unsere Passagiere zu unterstützen. Für den Fall einer möglichen Evakuierung werden unsere Hilfe benötigenden Passagiere mittels eines Art Sitzstuhls durch den Rettungsschlauch herabgelassen.

VEUS-Shipping: Was von den meisten Passagieren, die mit Rettungseinrichtungen nicht so vertraut sind, verkannt wird, ist die Tatsache dass zu den Rettungsbooten auch die Rettungsinseln gehören. Und hat schon mal jemand eine Rettungsinsel aus ihrer Befestigung gelöst, über Bord geworfen und ist dann hinterhergesprungen? Wohl kaum – dazu gehört schon eine Menge Mut und das Wissen wie man aus dem Wasser in die Rettungsinsel klettert.

Domaschke: Deswegen führen wir das MES auf unseren Schiffen

VEUS-Shipping: Kommen wir nochmal zurück auf die Evakuierung mit Rettungsbooten: Werden auf den AIDA-Schiffen die Passagiere in die Boote verfrachtet und die Boote weggefiert?

Domaschke: Nein, bei uns steht die Sicherheit der Passagiere und Crew an erster Stelle. Deswegen werden die Boote nur soweit ausgeschwenkt dass sie zum Einsteigen bereit sind.

VEUS-Shipping: Was bedeutet für Sie: „Sicherheit der Passagiere…“? Heißt das die Rettungsboote sind voll beladen nicht unbedingt sicher?

Domaschke: Die Urlaubsfreude unserer Passagiere soll nicht durch unvorhergesehene Probleme getrübt werden.

VEUS-Shipping: Herr Domaschke wir danken für die detaillierten Erklärungen und wünschen weiterhin „sorgloses Reisen“ bei Ihnen sowie auf allen anderen Kreuzfahrtschiffen 

Anmerkung der VEUS-Shipping Redaktion: 

Die MAIB (Britain’s Marine Accident Investigation Branch) stellt in einem kürzlich veröffentlichten Bericht fest:

Rettungsboote sind gefährlich!

Vorfall bei Rettungsbooteinsatz auf der Costa-Mediterranea.

Vorfall bei Rettungsbooteinsatz auf der Costa-Mediterranea. © P. Pospiech

Laut dieser Untersuchung der MAIB stehen 15% aller Todesfälle, mit professionellen Seeleuten, mit dem Gebrauch von Rettungsbooten in Zusammenhang. Die Gewerkschaft der Seeleute „Nautilus International“ bezeichnet Rettungsbootübungen als notorisch gefährlich, denn es werden mehr Menschen bei Rettungsübungen verletzt, als durch Rettungsboote gerettet.

Das Anheben und Absenken von Rettungsbooten ist ein brisanter Vorgang, der laut Meinung vieler Branchenkenner, immer ohne Menschen in den Booten erfolgen sollte. Hinzu kommen in einigen Fällen, schlecht gepflegte Geräte, unklare Anweisungen und mangelhafte Ausbildung der Besatzung.

Zuständig für Rettungsmaßnahmen ist nur das seemännische Personal, die Zahl ist, entsprechend der Größe des jeweiligen Schiffes, international vorgeschrieben. Sie sind in der Regel gut ausgebildet. Aber natürlich gibt es Reedereien, die mehr oder weniger Wert auf die Ausbildung ihres Personals legen, da gibt es schon Qualitätsunterschiede, vor allem wenn Billigkräfte aus Asien oder Afrika angeworben werden.

Ist das der Grund dass auf Kreuzfahrtschiffen bei den obligatorischen Rettungsbootübungen die Passagiere nicht in die Boote steigen und weggefiert werden damit sie wissen wie, im Ernstfall, eine Evakuierung durchgeführt werden sollte?

Wie werden Sicherheitsübungen an Bord von Kreuzfahrtschiffen durchgeführt?

Gut zu sehen: Die Rettungsinseln sowie der Einstieg zu dem Evakuierungsschlauch.

Gut zu sehen: Die Rettungsinseln sowie der Einstieg zu dem Evakuierungsschlauch.© Pospiech

Die Rettungsübung auf Kreuzfahrtschiffen ist seit dem tragischen Untergang der COSTA CONCORDIA in aller Munde. Einige Hartnäckige halten die Übung zwar immer noch für überflüssig, die große Mehrzahl der Passagiere hat den Sinn dieser Prozedur zu Beginn jeder Kreuzfahrt aber spätestens seit der Schiffskatastrophe vor Giglio / Italien verstanden. Und so wird heftig darüber diskutiert, wie eine optimale Rettungsübung denn nun genau aussehen sollte – mit oder ohne Anprobe der Schwimmweste, direkt an den Rettungsbooten oder bequemer im Inneren des Schiffs und inwieweit die Reederei die Teilnahme jedes Passagiers an der Rettungs-Übung erzwingen sollte.

Freilich stört eine so intensive Rettungsübung vorübergehend die unbeschwerte Urlaubsfreude. Andererseits sind Notsituationen auf Kreuzfahrtschiffen so selten, dass sich davon niemand ernsthaft den Spaß an einer Kreuzfahrt verderben lassen wird.

Erfahrene Schiffsoffiziere ebenso wie vielgereiste Kreuzfahrer fordern möglichst intensive Seenotrettungsübungen, bei denen die Passagiere den Ernst einer möglichen Notsituation verinnerlichen, die Rettungswege von der Kabine zu den Sammelplätzen ebenso wie zu ihrem vorgesehenen Rettungsboot kennen und die Schwimmweste anprobieren sollen. Es wird sogar gefordert, dass die Rettungsboote bei jeder Übung ausgeschwenkt und soweit abgelassen werden, dass sie zum Einsteigen bereit stehen, damit die Passagiere im Notfall möglichst genau Bescheid wissen und auch die Crew möglichst wirklichkeitsnah üben kann.

Wenn die Schiffsführung eine Sicherheitsübung anordnet müssen alle Passagiere zu den Rettungsbooten kommen und sich eine Rettungsweste anziehen. Idealerweise weist die Crew die Passagiere dabei an.

Hat sich an den Rettungsbooten technisch etwas geändert?

Wer traut sich in den Schlauch zu springen.

Wer traut sich in den Schlauch zu springen. © Pospiech

Grundlegendes hat sich seit dem Untergang der TITANIC vor über 100 Jahren nicht geändert. Die Boote sind heute meist geschlossen, die Passagiere steigen durch Luken ein; sie haben alle einen Motor, rudern muss heute niemand mehr. Die Technik ist besser geworden, aber das System ist dasselbe: Im Notfall werden die Rettungsboote an den Seiten des Schiffes ausgeschwenkt und abgelassen. Und das ist die Achillesferse der Kreuzfahrtschiffe: Wenn im Notfall Tausende Passagiere bei acht Meter hohen Wellen auf offener See in Rettungsboote verfrachten werden müssen, ist das eine Mammutaufgabe für die Schiffsführung und kann kaum von einem allein gemeistert werden. Da wird zuerst das Herablassen der Boote zum Problem und dann das Aushaken. Irgendwie werden die Boote das Wasser schon erreichen; die Frage ist nur, wie. Ein richtig großes Unglück auf offener See darf gar nicht erst passieren. So ein Schiff kann binnen einer halben Stunde sinken – die komplette Evakuierung dauert je nach Schiffsgröße unter idealen Bedingungen mindestens eine Stunde.

Schifffahrtsexperten halten eine reibungslose Evakuierung unter bestimmten Umständen nicht mehr für möglich. So heißt es beispielsweise: „Wenn ein Schiff plötzlich 30 bis 40 Grad Schlagseite hat, dann funktioniert das alles nicht mehr“.