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Endstation Wismar – Vom Kreuzfahrtschiff SEAWARD zum Wohnschiff SUPERSTAR LIBRA

Im Juni 2018 hatte die SUPERSTAR LIBRA als Kreuzfahrtschiff ausgedient. Direkt verschrottet wurde es allerdings nicht, stattdessen kommt es fernab seines letzten Fahrtgebietes als Wohnschiff zum Einsatz – an der deutschen Ostseeküste.

Ein trüber Februarmorgen in Wismar. Ein einsamer Kutter verkauft mehr oder weniger fangfrischen Fisch, der Rest des Alten Hafens liegt verlassen da. Das gilt für die beiden Ausflugsschiffe, die nur im Sommer zu ihren Hafenrundfahrten aufbrechen, genauso wie für den Nachbau einer Hansekogge und den Lotsenschoner ATALANTA. „Dicke Pötte“ sucht man hier zu dieser Jahreszeit vergeblich, ganz Wismar ist im Winterschlaf.

Die SUPERSTAR LIBRA liegt in Wismar fast direkt neben der Dockhalle von MV Werften.
Kurze Wege: Die SUPERSTAR LIBRA liegt in Wismar fast direkt neben der Dockhalle von MV Werften. Foto: Kai Ortel

Ganz Wismar? Nein. Denn ein paar Meter weiter ragen gegenüber dem Yachthafen die Aufbauten eines großen Passagierschiffes in den norddeutschen Winterhimmel. Aber unternehmungslustige Kreuzfahrer? Reisebusse, die auf Landausflügler warten? Taxis, Besatzungsmitglieder, Hafenoffizielle? Keine. Und das hat seinen Grund. Denn besagtes Kreuzfahrtschiff, die 1988 gebaute SUPERSTAR LIBRA, ist ausgemustert. Sie dient in Wismar als Wohnschiff für Arbeiter und Subunternehmer von MV Werften, die hier mit der GLOBAL DREAM eines der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt bauen. Dabei ist die SUPERSTAR LIBRA mit ihren 32 Jahren zwar nicht mehr wirklich die jüngste, doch es sind auch noch weitaus ältere Kreuzfahrtschiffe erfolgreich in Fahrt. Wie also kam es dazu, dass aus der einstmals stolzen SEAWARD ein Wohnschiff für Werftarbeiter wurde?

Von der NORWAY zur SEAWARD

Die amerikanische Kreuzfahrtgesellschaft NCL, damals noch „Norwegian Caribbean Lines“, hatte 1980 die NORWAY in Dienst gestellt, den umgebauten Atlantikliner FRANCE. Diese war zu dem Zeitpunkt das mit Abstand größte Kreuzfahrtschiff der Welt und fortan zusammen mit den vier kleineren, höchst populären „White Ships“ Kreuzfahrtschiffen der Reederei aus den frühen 1970er Jahren, auf Karibik-Kurs. Die Konkurrenz schlief allerdings nicht und brachte Mitte der 1980er Jahre statt umgebauter Linienpassagierschiffe moderne Neubauten in Fahrt: 1983 die SONG OF AMERICA (RCCL), 1984 die ROYAL PRINCESS (Princess Cruises) und zwischen 1985 und 1987 ein Trio bestehend aus HOLIDAY, JUBILEE und CELEBRATION (Carnival Cruise Line) auf den Markt. Der amerikanische Kreuzfahrtmarkt boomte, so dass NCL gezwungen war, den Mitbewerbern ein vergleichbares Schiff entgegenzusetzen. Allerdings hatte die NCL-Mutter Kloster erst 1984 für 240 Mio. $ die Royal Viking Line übernommen, das Budget für einen Neubau in Diensten von NCL war also begrenzt.

Die SUPERSTAR LIBRA in ihrem Bauzustand 1988 als SEAWARD
Die SUPERSTAR LIBRA in ihrem Bauzustand 1988 als SEAWARD. Foto: NCL

Die Zeit bis zur Indienststellung der nächsten Schiffsgeneration der Konkurrenz war jedoch genauso knapp, und so entschloss man sich zu einem Kompromiss: Im Sommer 1986 orderte NCL für 120 Mio. $ einen Kreuzfahrtneubau für 1.534 (1.798) Passagiere und Lieferung innerhalb von nicht einmal zwei Jahren. Als Bauwerft wurde Wärtsilä in Finnland beauftragt, jenes Unternehmen, das sich kurz zuvor nicht nur mit dem Bau besagter SONG OF AMERICA und ROYAL PRINCESS einen Namen gemacht hatte, sondern auch Marktführer im Bau großer Ostseefähren war. Und da außerdem die Zeit zu knapp war von Grund auf ein eigenes Design zu entwerfen, sollte der Neubau Merkmale eben jener Schiffe in sich vereinen: Referenzschiff wurde die Viking Line-Fähre MARIELLA, von welcher der NCL-Neubau die vergleichsweise kleinen vorgefertigten balkonlosen Kabinen der nahegelegenen Kabinenfabrik Piikkiö Works übernahm, während das Layout weitgehend von der ROYAL PRINCESS stammte: ein Deck, auf dem sich die öffentlichen Einrichtungen konzentrierten (mit der Show Lounge vorne und einer Disco achtern), darunter das Hauptrestaurant, und als Herzstück das zweistöckige Atrium „Crystal Court“. Verantwortlich für die Inneneinrichtung war, wie schon bei der ROYAL PRINCESS und der MARIELLA, die schwedische Firma Tillberg Design. Sogar ein Merkmal der NORWAY sollte das bald zweitgrößte NCL-Schiff übernehmen: den dunkelblauen Schiffsrumpf. Davon sah man aber noch während der Bauphase ab, und so kam der Neubau, für den man in Anlehnung an die Schiffe der „White Fleet“ den Namen SEAWARD ausgewählt hatte, nach seiner Taufe am 26.05.1988 in New York in schneeweiß in Fahrt. Das Kürzel „NCL“ stand seit 1987 übrigens für „Norwegian Cruise Line“, auch wenn die SEAWARD in den kommenden Jahren überwiegend auf siebentägigen Karibik-Kreuzfahrt ab/bis Miami nach Great Stirrup Cay, Ocho Rios/Jamaika, Grand Cayman, Playa del Carmen und Cozumel eingesetzt wurde.

1997 erhielt die in NORWEGIAN SEA umbenannte SEAWARD einen blauen Schornstein.
1997 erhielt die in NORWEGIAN SEA umbenannte SEAWARD einen blauen Schornstein. Foto: NCL

Revolutionär war das Schiff zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, auch wenn es im „Berlitz Complete Handbook to Cruising“ seinerzeit auf die Bewertung „4 Sterne plus“ kam und damit kurzzeitig in einer Liga mit Schiffen wie SOVEREIGN OF THE SEAS und WESTERDAM spielte. Trotzdem sprach Berlitz-Herausgeber Douglas Ward von einem „stunning new ship“, das aber mit einem Passagier-/Raumverhältnis von 27,5 eher kompakt daherkam und dessen Inneneinrichtung in blassen Pastellfarben nicht lange dem Geist der Zeit entsprach. Und in Punkto Größe hatte bereits 1987 die SOVEREIGN OF THE SEAS des Konkurrenten Royal Caribbean sogar die NORWAY überholt. Dennoch konnte die SEAWARD einige bemerkenswerte Merkmale aufweisen: So galt ihr 13 Meter langer Swimmingpool als der größte auf See, und auf Deck 9 achtern befand sich gleich unter dem Schornstein das „Palm Tree Restaurant“, das erste zuzahlungspflichtige Restaurant auf einem internationalen Kreuzfahrtschiff überhaupt.

Freestyle Cruising und Star Cruises

Wenig überraschend übte NCL die Option für ein baugleiches Schwesterschiff bei Wärtsilä nicht aus. Stattdessen übernahm man noch 1988 die Royal Cruise Line und orderte im Juni 1990 mit der DREAMWARD und WINDWARD zwei Schiffe, die zwar ähnlich groß waren wie die SEAWARD, aber komplett anders designt. Von der Speerspitze der Innovation in Sachen Kreuzfahrt war NCL damals jedoch trotzdem noch weit entfernt. Befremdet sei Andy Stuart, von 2015 bis 2019 Chief Operating Officer der Reederei, gewesen, als er 1988 zum ersten Mal an Bord der SEAWARD kam, wie er kürzlich in einem Interview berichtete. Als Geschäftsreisender allein an Bord, wurde ihm um Punkt 20:30 Uhr sein Platz im Restaurant zugewiesen – der letzte freie Stuhl am Achtertisch einer siebenköpfigen Familie. Derlei wäre heute bei NCL undenkbar, damals sollte es aber noch zwölf Jahre dauern, ehe die Reederei ihr „Freestyle Cruising“-Konzept einführte. Die Passagiere sollten künftig selber bestimmen, wann, wo und mit wem sie essen und was sie an Bord unternehmen wollten. Hierzu hatte man 1998/99 die NORWEGIAN DREAM (ex DREAMWARD), die NORWEGIAN WIND (ex WINDWARD) und die NORWEGIAN MAJESTY um jeweils 40 Meter verlängern lassen und auf der Meyer Werft Neubauten von 92.000 BRZ Größe geordert. In dieses Konzept wollte die 1997 in NORWEGIAN SEA umbenannte SEAWARD nicht so recht reinpassen, und so waren ihre Tage unter NCL-Flagge bereits ab dem Jahr 2000 gezählt.

In jenem Jahr übernahm jedoch Genting Hongkong, Marktführer für Kreuzfahrten im wachsenden, aber noch unterentwickelten asiatischen Raum, 50% der Anteile an NCL. Dies erlaubte nicht nur eine erneute Expansion von NCL mit frischem Investitionskapital und weiteren Neubauten, sondern auch eine sinnvolle „Zweitverwertung“ von Schiffen, die bei NCL selber nicht mehr in die neue „Freestyle Cruising“-Philosophie passten. Nicht weniger als sechs NCL-Schiffe wechselten daher ab 2000 von NCL an Star Cruises, die Kreuzfahrtmarke von Genting. Für die NORWEGIAN SEA kam das Ende unter NCL-Flagge 2005. Im „Berlitz“ kam das Schiff nur noch auf das Rating „3 Sterne plus“ – „reasonably attractive“ (einigermaßen attraktiv) und in der Hand einer Besatzung, die in den Augen von Douglas Ward „rather amateurish“ (ziemlich amateurhaft) agierte. In die Riege der drei größten Kreuzfahrtreedereien der Welt konnte NCL damit schwerlich zurückkehren. Im Sommer 2005 unternahm die NORWEGIAN SEA daher ihre letzte Kreuzfahrt unter diesem Namen, anschließend ging sie bei Sembawang in Singapur ins Dock und ab September erstmals unter ihrem neuen Namen SUPERSTAR LIBRA für Star Cruises auf Kreuzfahrten ab Mumbai. Unterbrochen nur von einer einmaligen Saison im Mittelmeer 2006, blieb sie diesem Geschäft in der Folge zunächst treu, kam jedoch ab 2008 wieder im Kernmarkt der Reederei ab Hongkong (2008), Keelung/Taiwan (2009), Singapur (2010), Penang/Malaysia (2011), Xiamen (2015), Haikou (2015), Taizhou (2016) und Port Klang (2017) zum Einsatz. Auf ihrem Programm standen dabei überwiegend Kurzkreuzfahrten von zwei bis fünf Tagen; an Bord gab es inzwischen neben der obligatorischen Karaoke Bar auch das „Spices Restaurant“, in dem südostasiatische Speisen auf den Teller kamen. Nach 13 Jahren bei Star Cruises kam aber für die ehemalige SEAWARD 2018 das Ende in Fernost. Genting hatte bereits 2016 mit Dream Cruises eine weitere Kreuzfahrtmarke gegründet, die einen Teil der ehemaligen Star Cruises-Klientel abzog. Am 27.06.2018 beendete die SUPERSTAR LIBRA ihre letzte Kreuzfahrt in Malaysia, danach sollte sie im Rahmen „anderer Arrangements“ für Genting Hongkong eingesetzt werden.

Endstation Wismar

Was sich unter diesem „anderen Arrangement“ verbarg, blieb nicht lange ein Geheimnis. Doch die Meldung über die zukünftige Verwendung der SUPERSTAR LIBRA kam nicht wie erwartet aus Hongkong, sondern aus Wismar! Die dortigen MV Werften wollten das Schiff nämlich in den nächsten Jahren als Wohnschiff für Partner und Zulieferer nutzen, wie eine Pressemitteilung der Werft vom 19.07.2018 verlautete. Hierzu muss man wissen, dass MV Werften ebenfalls ein Teil der Genting-Gruppe ist. 2016 hatte Genting die angeschlagenen Nordic Yards mit ihren Standorten in Wismar (ehemals MTW), Warnemünde (ehemals Warnow-Werft) und Stralsund (ehemals Volkswerft) übernommen; der Verbund firmiert seitdem unter dem Namen „MV Werften“. Die SUPERSTAR LIBRA blieb also sozusagen in der Familie, und für eben diese Familie baute die Werft in Wismar auch die nächsten Schiffe. 2021 soll die GLOBAL DREAM abgeliefert werden, ein Mega-Kreuzfahrtschiff von 208.000 BRZ mit Platz für 9.500 Passagiere; ein Schwesterschiff folgt 2022. Dieses Bauprogramm führt auf Seiten der Werft zu einer rapiden Aufstockung der Beschäftigtenzahlen mit einem großen Bedarf an Wohnraum für alle am Bau Beteiligten. Genau diesen Bedarf sollte die SUPERSTAR LIBRA mit ihren 709 Kabinen decken, und das direkt am Werftkai, wo die Wege deutlich kürzer sind, als wenn man Hotelbetten gebucht hätte.

Am 04.08.2018 traf die SUPERSTAR LIBRA in Wismar ein, wo sie zunächst für vorbereitende Arbeiten in die Werfthalle verholte. Währenddessen hat es, wie der THB noch im Februar 2019 berichtete, durchaus Kauf-Interessen für das Schiff gegeben; immerhin war die ehemalige SEAWARD zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein halbes Jahr außer Fahrt. Als die SUPERSTAR LIBRA am 09.06.2019 aber wieder aus der Halle ausgedockt und mit Dalben-Schlössern dauerhaft am Werftkai (Pier 5) festgemachte, war von einem Verkauf keine Rede mehr. Über ein Landstromkabel ist die ehemalige SEAWARD seitdem mit dem Kai verbunden, über Wismars Altem Hafen braucht man also nicht einmal dunkle Abgaswolken zu fürchten. 25 Mann Besatzung hielten das Schiff fortan am Laufen, erst im November 2019 zogen tatsächlich die ersten Arbeiter an Bord ein. Denn am 23.11. war der in Warnemünde gefertigte 216 Meter lange Mittschiffs-Kasko der GLOBAL DREAM zum Weiterbau in Wismar eingetroffen und damit auch das Heer an zusätzlichen Arbeitern, das diesen bewerkstelligen sollte. Das Schiffsmanagement für die SUPERSTAR LIBRA und damit den Hotelbetrieb, das technische Management, das Crewing und das Recruitment, übernahm derweil Anfang Dezember 2019 Columbia Cruise Services (CCS) in Hamburg. Auf 116 Mann stockte Columbia die Besatzung der alten SEAWARD auf, die einstmals von 624 Crewmitgliedern betreut wurde. Es ist nun wieder Leben an Bord, wenn auch nicht so wie anno 1988 zwischen Miami, Jamaika und Mexiko.

Und die Zukunft? Bis 2022 will MV Werften an der GLOBAL DREAM 2 bauen, danach an zwei Schiffen der neuen „Universal Class“, die bis 2024 zur Ablieferung kommen sollen. Für die nächsten vier Jahre scheint die Zukunft der SUPERSTAR LIBRA also gesichert, eventuell noch länger, wenn Genting noch weitere Einheiten der Global Class oder der Universal Class baut. Spätestens dann dürfte die alte SEAWARD in Wismar fast zum Stadtbild gehören und damit vielleicht noch länger dort verbleiben – als Hotel-, Restaurant- oder Eventschiff. Ihre Zeiten als aktives Kreuzfahrtschiff dürften dagegen gezählt sein, denn wer will schon zurück ins Jahr 1988? Aber wenn eine BORE für immer in Turku festgemachte, eine BIRGER JARL in Stockholm und eine ROTTERDAM in Rotterdam – warum nicht auch eine SEAWARD in der Stadt Störtebekers? Dann heißt es für die SUPERSTAR LIBRA tatsächlich in einigen Jahren: Endstation Wismar. www.columbia-cs.com

Technische Daten MS SUPERSTAR LIBRA:

Größe: 42.285 BRZ
Länge: 216,70 Meter
Breite: 32,63 Meter
Tiefgang: 7,00 Meter
Decks: 10 (davon 9 Passagierdecks)
Baujahr: 1988
Ex-Namen: SEAWARD -1997, NORWEGIAN SEA -2005
Bauwerft: Wärtsilä, Turku (Finnland)
Antrieb: vier 8-Zylinder Wärtsilä Sulzer-Diesel, 18.496 kW
Geschwindigkeit: maximal 20 Knoten
Flagge: Bahamas
Heimathafen: Nassau
Besatzung: 609 (als Wohnschiff 116)
Passagiere: 1.534 (1.798)
Kabinen: 709

Kai Ortel
Redaktionsmitglied bei VEUS-Shipping.com mit Schwerpunkt Kreuz- und Fährschifffahrt.

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